Zu meiner Arbeit


Zu meinen Arbeiten:
Meine Skulpturen sind immer aus einem Stamm gehauen. Ich verwende verschiedene heimische Holzarten, wie sie gerade anfallen. Am liebsten sind mir aber Eiche, Linde und Obsthölzer. Einige kleinere Arbeiten sind aus Bongossi, einem tropischen Hartholz. Haltung und Gestik meiner Figuren entwickle ich aus meiner Vorstellung und der Wuchsform der vorgefundenen Stammformen. Mich interessieren dabei besonders ungewöhnlich geformte Stücke wie z.B. Astgabeln. Ich verändere ihre gewohnte Erscheinung, ich drehe sie um oder lege sie hin und versuche sie mit meiner Vorstellung von der Skulptur zusammenzubringen. In diesem Stadium entstehen oft kleine Ideenskizzen, die später mein innerer Anhaltspunkt sind. Im Arbeitsprozess nähern sich meine Vorstellung und die gewachsene Form an. Die Bearbeitung geschieht zuerst mit der Kettensäge. Wenn für mich bis dahin die Figur stimmt, bleibt sie in dem Rohzustand erhalten. Ich verzichte dann auf Details wie die Ausarbeitung des Gesichts oder der Hände. Die Haltung und die Silhouette machen dann die Wirkung der Figur aus. Bei vielen Figuren erfolgt aber noch eine Weiterbearbeitung mit dem Schnitzeisen, manchmal auch bis hin zur Glättung der Oberfläche mit Schmirgelpapieren. Dadurch tritt die Maserung des Holzes hervor, die die plastischen Formen unterstreicht. Die Ausarbeitung von Händen und Gesicht sind Möglichkeiten, um den Ausdruck einer Figur zu gestalten. Jede Figur erhält durch die Bearbeitung eine Aura. Wenn ich diese Wirkung spüre, ist für mich die Bearbeitung abgeschlossen und ich kann sie dem Raum anvertrauen. Für mich ist der Mensch Thema meiner plastischen Arbeit. Holz als organisches, lebendiges Material hat für mich eine enge Beziehung zum Mensch. Ich verändere oft den Maßstab in Unterlebensgröße, Fastlebensgröße, eher selten in Überlebensgröße, weil ich zu große Monumentalität vermeiden will. Meine Figuren sind in Bewegung, Anspannung aber auch Ruhe, in Kampf, Liebe oder auch Alleinsein. Dies sind Empfindungen wie sie jeder aus dem Leben kennt.
Roger Löcherbach, 2003


Silva

Im Anfang war der Wald.
Aus seinem Rauschen entstand der Mensch. Er lebte auf allen Vieren in seinem Dunkel. Er richtet sich auf, fällt den Baum, um die Sonne der Freiheit auf seiner Haut zu spüren. Der Baum ward Holz für Werkzeug, Haus, Brand und Gott, alsbald erforscht, zergliedert, analysiert, optimiert, ersetzt. Kunststoff lässt den gefräßigen Holzwurm verhungern, trotzt den Angriffen des Hallimasch und des schlagenden Spechtes, tückischen Rissen und der Vergänglichkeit. Dieweil wütet die Kettensäge in Alleen, Gefahrbäume weichen der Sicherheit der Erdenbürger. Der Harvester zerschnitzelt ganze Wälder zu Strom für das neue elektronische Universum. Bleiben darf nur, wer CO2 frisst und die Welt rettet, wo Gott schon lange tot ist. Und da gibt’s noch Künstler, die Baumstämme nach eigenem Bilde schaffen: O ewig gestrige Narren, dass euch nicht das Nämliche widerfahre. Denket daran.
Silva Deus.
Roger Löcherbach, 2019


Der Bauer und die Kuh
In einer Zeit, als sich Mensch und Tier noch so gut verstanden, dass sie miteinander reden konnten, führte ein junger Bauer seine Kuh jeden Morgen durch eine wunderschöne Landschaft zu einer Weide. „Sieh doch wie schön die Berge sind“, sagte der Bauer zur Kuh. „Muh, ist mir egal“, antwortete die Kuh, „Hauptsache, ich habe zu fressen.“ Und sie gingen weiter. Sie kamen über eine alte steinerne Brücke auf der in der Mitte eine alte steinerne Figur stand. „Sieht sie nicht schön aus?“ sagte der Bauer. Denn er hatte Sinn für Kunst. „ Blödsinn!“ antwortete die Kuh, „ich will auf meine Wiese zum fressen.“ So gingen die Jahre dahin, und der Alltag mit seinen lieben Sorgen führte dazu, dass auch der Bauer nicht mehr besonders auf die Schönheit der Landschaft und der Brücke mit der alten Steinfigur achtete. Als eine große Krise über das Land kam, verkaufte er Weide und Land an eine Immobilienfirma, die dort Einfamilienhäuser, ein kleines Gewerbegebiet und einen Supermarkt baute. Die Brücke wurde abgerissen und verbreitert für den vermehrten Autoverkehr. Die alte Steinfigur, die ein Experte sehr wertvoll einschätzte, kam in ein fernes Museum. Die Kuh aber kam in einen Stall, und, da das Leben den Bauern wirtschaftlich zu denken gelehrt hatte, kaufte er noch 100 andere Kühe hinzu, für das gute Geld von seinen Weidegründen. Jede Kuh bekam in dem modernen Stall eine Box von 2 Metern Länge und 50 cm Breite. Vorn lief ein Band vorbei, das wohlschmeckendes Futter im Überfluss an der Kuh vorbeiführte. Sie brauchte nur das Maul aufzumachen. Hinter ihr lief ein Band das die Ergebnisse der Futterverwertung abtransportierte, in der Mitte gab es eine Absauganlage für die Milch. Es gab sogar Musik im Stall und seit Neuestem eine Videowand, weil das nach wissenschaftlicher Erkenntnis, das Glücksgefühl steigert, die Milchproduktion fördert und, -aber da laufen noch die Versuchsreihen- das Fleisch zarter macht. Es war ein Creative-Stable nach neuesten Erkenntnissen der Kreativwirtschaft konzipiert.
Der Bauer aber kaufte seine Milch im Supermarkt, da sie dort, wie er scherzhaft sagte, so billig und gut war, dass es sich nicht lohnte sich zu bücken, um die eigene Kuh zu melken.
Eines Tages ging er wieder durch seine Stallungen, (inzwischen hatte er 1000 Rinder), und kam eher zufällig zu der Box, in der er seine erste Kuh zu erkennen glaubte, die er vor langer Zeit über die alte Steinbrücke zur Weide getrieben hatte.
Das Tier blickte ihn so unsagbar traurig an, dass er sie, was er schon lange nicht mehr bei seinen Tieren tat, ansprach: „Was fehlt dir?“ fragte er. Aber die Kuh sah ihn nur an. Sie verstand ihn nicht. Sie hatten die gemeinsame Sprache verloren, und sie hatten sich wohl auch nichts mehr zu sagen.
Roger Löcherbach, 2010





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